Warum Inklusion mehr als gute Absichten braucht
Shownotes
Inklusion wird oft genannt, aber selten erklärt. Kommunikations- und Inklusionsexpertin Saphir Ben Dakon ordnet den Begriff ein: Sie zeigt auf, warum Inklusion für Menschen mit Behinderungen eine Frage von Strukturen, Sprache und gesellschaftlicher Haltung ist.
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00:00:01: [Signet] Stiftung Denk an mich: Die Solidaritätsstiftung von SRF,
00:00:06: die Ferien- und Freizeitaktivitäten für Menschen mit Behinderungen unterstützt.
00:00:12: [Moderator SRF 1] Das Wort Inklusion ist ein Begriff, der heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen verwendet wird.
00:00:18: In der Politik habt ihr es sicher schon gehört, in der Bildung, in der Arbeitswelt.
00:00:23: Und auch in den Medien wird immer wieder darüber berichtet.
00:00:25: Gleichzeitig bleibt aber häufig unklar, was mit Inklusion genau gemeint ist.
00:00:31: Für die einen steht Inklusion für Barrierenfreiheit,
00:00:34: für andere geht es um Gleichstellung, Teilhabe oder gesellschaftliche Vielfalt.
00:00:39: Und all diese unterschiedlichen Verständnisse zeigen, dass Inklusion zwar präsent ist,
00:00:44: aber nicht immer eindeutig greifbar.
00:00:46: Und gerade bei Menschen mit Behinderungen wird klar,
00:00:49: dass Inklusion eben noch mehr ist als nur eine Anpassung von einzelnen Angeboten.
00:00:53: Pascale Folker hat mit der Kommunikations- und Inklusionsexpertin Saphir Ben Dakon
00:00:58: diesen Begriff etwas genauer angeschaut.
00:01:02: [Pascale Folke] Mit dem Wort Inklusion bin ich losgezogen und wollte von den Leuten auf der Strasse wissen,
00:01:07: was sie darunter verstehen.
00:01:09: Und das hat zuerst einmal etwas für Verwirrung gesorgt.
00:01:12: [Passantin] «Inklusion? Da fragen Sie mich jetzt gerade zu viel.»
00:01:15: [Passant] «Irgendetwas mit inbegriffen, oder?»
00:01:18: [Passantin] «Schon, ja.»
00:01:20: [Passant] «Inbegriffen, würde ich sagen.»
00:01:21: [Passantin] «Included?
00:01:22: Ja, ich würde das auch sagen, aber vielleicht heisst es etwas ganz anderes.
00:01:25: Wer weiss es?»
00:01:26: [Passant] «Inklusion. Da bin ich wirklich überfragt. Inklusion.»
00:01:31: [Passantin] «Ich muss zuerst überlegen.
00:01:33: Es ist fast peinlich, ich als Lehrerin.
00:01:36: Aber es sagt mir schon etwas.
00:01:39: Inklusion.»
00:01:40: [Passantin] «Inklusion!
00:01:41: Jesses Gott, das beinhaltet irgendetwas, nehme ich an.
00:01:46: Und dann hört es bei mir schon langsam auf.»
00:01:50: [Pascale Folke] Ein wenig später bin ich dann doch noch fündig geworden
00:01:52: und habe Personen getroffen, die mir den Begriff noch etwas näher erklären konnten.
00:01:57: [Passantin] «Was ich an Inklusion verstehe?
00:01:59: Die Teilhabe von allen.»
00:02:02: [Passantin] «Das ist eigentlich Einbezug von Aussengruppen in eine Gemeinschaft.
00:02:07: Oder so, genau.»
00:02:10: [Passantin] «Einschliessen, ja.»
00:02:11: [Passantin] «Mitnehmen, so mitzutragen in allen Variationen, oder?»
00:02:19: [Passant] ««Dass alle an der Gesellschaft teilnehmen können.
00:02:22: Dass alle die gleichen Bedingungen haben, um teilzunehmen,
00:02:27: um dabei zu sein, um das machen zu können, was sie eigentlich machen wollen,
00:02:31: ohne eingeschränkt oder es extrem erschwert zu haben.»
00:02:35: [Pascale Folke] Genau. Es bedeutet Teilsein vom Ganzen.
00:02:38: Teilsein der Gesellschaft, sagt Saphir Ben Dakon.
00:02:41: [Saphir Ben Dakon] Es ist eigentlich ein Fachbegriff,
00:02:43: wo es gar nicht so fest darauf ankommt,
00:02:45: was ich unter dem verstehe.
00:02:48: Inklusion ist in diesem Sinne ein Strukturbegriff.
00:02:52: Bei Inklusion geht es eigentlich um den Prozess,
00:02:55: der Strukturen so weit verändert,
00:02:58: dass alle Menschen, respektive möglichst alle Menschen,
00:03:01: an der Gesellschaft teilhaben können.
00:03:04: [Saphir Ben Dakon] Gerade bei Menschen mit Behinderungen wird aber deutlich,
00:03:06: dass Inklusion mehr ist als nur eine punktuelle Veränderung.
00:03:10: Es geht um das Grundrecht, das alle Menschen haben.
00:03:12: Nämlich, dass sie von Anfang an in allen Bereichen
00:03:15: ihres Lebens mit einbezogen werden.
00:03:17: [Saphir Ben Dakon] Wenn wir sagen, das haben wir oft,
00:03:20: im Museum gibt es eine grosse Ausstellung,
00:03:23: zum Beispiel zur Schweizer Geschichte,
00:03:24: und wir sagen, wir wollen das allen in der Schweiz näher bringen,
00:03:28: wir befassen uns aber nicht mit Inklusion,
00:03:31: dann sagen wir, alle sind willkommen,
00:03:34: wir wollen uns viel Mühe geben mit dieser Ausstellung,
00:03:37: wir möchten das allen zeigen,
00:03:39: aber am Schluss stehen die Leute vor der Türe
00:03:41: und kommen nicht rein,
00:03:43: weil es eine Stufe hat,
00:03:45: die für gewisse unüberwindbar ist,
00:03:48: weil man vielleicht Informationen nicht in der Leichten Sprache hat
00:03:52: oder sich auch nicht darum gekümmert hat,
00:03:54: dass diese Ausstellung zum Beispiel auch in Gebärdensprache verdolmetscht wird.
00:03:59: Und wenn wir eben nicht über Inklusion nachdenken,
00:04:02: dann sagen wir am Schluss, alle sind willkommen,
00:04:04: aber dann, am effektiven Anlass,
00:04:07: stehen die Leute vor der Tür
00:04:08: und fühlen sich nicht zugehörig.
00:04:11: [Pascale Folke] Darum müsse man immer wieder darauf sensibilisieren.
00:04:14: Der Begriff Inklusion sei in der Gesellschaft
00:04:17: fast schon zu einem Modeausdruck geworden.
00:04:20: Trotzdem stellt die Kommunikationsexpertin fest,
00:04:23: dass sich doch einiges getan hat
00:04:25: und ein Umdenken stattfindet.
00:04:27: [Saphir Ben Dakon] Das fällt mir schon auf im Alltag,
00:04:30: dass Inklusion ein Marketingbegriff geworden ist,
00:04:34: aber wenn sich Menschen engagieren,
00:04:38: z.B. Privatvereine und so weiter,
00:04:41: und Inklusion machen wollen,
00:04:43: dass die Zivilgesellschaft eine sehr grosse Kraft hat,
00:04:47: weil es für Inklusion das Engagement von allen braucht.
00:04:50: Und da sehe ich in den letzten 3-4 Jahren
00:04:54: schon auch von der Zivilgesellschaft Bemühungen,
00:04:57: das wirklich durchzusetzen.
00:04:59: Und in diesem Sinne gibt es auch schöne Erfahrungen,
00:05:01: die man macht, auf jeden Fall.
00:05:03: [Pascale Folke] Persönlich hofft Saphir Ben Dakon,
00:05:05: dass sich die Gesellschaft in Zukunft
00:05:07: noch mehr Gedanken macht,
00:05:08: für was Inklusion wirklich steht.
00:05:11: Sie ist überzeugt,
00:05:12: gemeinsam kann man eben viel mehr erreichen.
00:05:15: Menschen mit und ohne Behinderungen,
00:05:17: die im ständigen Austausch sind,
00:05:19: das ist enorm wichtig.
00:05:20: [Saphir Ben Dakon] Ich würde mir wünschen,
00:05:21: dass der Diskurs, den wir hier zusammen haben,
00:05:24: als Menschen, die dieses schöne Land zusammen gestalten,
00:05:27: dass wir alle etwas ehrlicher werden im Diskurs.
00:05:30: Wenn ich mit Leuten spreche,
00:05:31: sagen sie immer,
00:05:32: ich habe nichts gegen Menschen mit Behinderungen.
00:05:36: Und ich würde nie diskriminieren.
00:05:38: Überhaupt nicht aus einem bösen Ding heraus.
00:05:41: Überhaupt nicht.
00:05:42: Aber gerade diese Abwehrhaltung.
00:05:45: Ich würde mich freuen,
00:05:47: wenn unser Verhalten miteinander zu sprechen,
00:05:50: So wäre:
00:05:52: du willst mir etwas über das Leben erzählen,
00:05:55: was ich vielleicht noch nicht so viel davon gehört habe
00:05:57: oder noch nicht so kenne.
00:05:59: Und ich bin jetzt einfach mal offen,
00:06:01: weil ich glaube,
00:06:02: eine solche Offenheit
00:06:04: gegenüber auch Sachen,
00:06:06: die man vielleicht nicht kennt
00:06:07: oder Lebensrealitäten, die man nicht kennt,
00:06:10: kann eine Gesellschaft einfach auch stärker machen.
00:06:13: Und ich würde mir wünschen,
00:06:14: dass man wieder etwas mehr,
00:06:15: das, was sehr oft hochgelobt wird in der Schweiz,
00:06:18: dass wir gut miteinander sprechen können,
00:06:20: dass wir das auch in Bezug auf Behinderung
00:06:23: ein bisschen mehr machen würden.
00:06:25: [Moderator SRF 1] Sagt Saphir Ben Dakon, sie ist Inklusionsexpertin
00:06:31: und engagiert sich unter anderem im Stiftungsrat der Stiftung Denk an mich.
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