Wie Medienberichterstattung Teilhabe prägt
Shownotes
Menschen mit Behinderungen kommen in den Medien eher selten vor – und wenn, oft klischeehaft dargestellt. Senad Gafuri, Geschäftsleiter von Reporter:innen ohne Barrieren, spricht über einseitige Rollenbilder und erklärt, warum eine differenzierte Berichterstattung für mehr Teilhabe entscheidend ist.
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00:00:01: [Signet] Stiftung Denk an mich: Die Solidaritätsstiftung von SRF,
00:00:06: die Ferien- und Freizeitaktivitäten für Menschen mit Behinderungen unterstützt.
00:00:12: [Moderator SRF 1] Wenn in den Medien über Menschen mit Behinderungen berichtet wird,
00:00:17: dann passiert das noch immer häufig über veraltete Rollenbilder und Wortwahl.
00:00:22: Beispielsweise wird impliziert, dass es bemitleidenswerte Menschen sind,
00:00:27: die an einer "Beeinträchtigung leiden".
00:00:30: Oder, vielleicht gut gemeint, werden sie als aussergewöhnliche Menschen dargestellt,
00:00:34: die "trotz Handicap" Erstaunliches leisten.
00:00:38: Solche Darstellungen und Ausdrücke beeinflussen, wie wir über Behinderungen denken.
00:00:42: Und zwar häufig unbewusst, sagt Senad Gafuri,
00:00:46: Geschäftsleiter von Reporter:innen ohne Barrieren.
00:00:50: Er setzt sich schon seit Jahren für eine inklusive Medienlandschaft ein.
00:00:55: Welche Begriffe und Bilder trifft man besonders häufig an
00:00:58: und was sie beim Publikum auslösen, im Beitrag von Pascale Folke.
00:01:03: [Pascale Folke] Menschen mit Behinderungen kommen in den Medien vergleichsweise selten vor.
00:01:08: Und wenn über sie berichtet wird, dann oft noch mit Ausdrücken,
00:01:11: die nicht zeitgemäss sind und vor allem unpassende Bilder im Kopf vermitteln,
00:01:15: sagt Senad Gafuri.
00:01:17: [Senad Gafuri] Beeinträchtigung beschreibt eher körperliche, psychische oder sensorische Einschränkung.
00:01:22: Behinderung beschreibt die Barrieren, die daraus im Alltag werden,
00:01:26: also die Wechselwirkung mit der Umwelt.
00:01:29: Handicap stammt aus dem Sport- und Wettkontext
00:01:32: und suggeriert den Nachteil, den jemand ausgleichen oder überwinden muss.
00:01:37: Diese Unterscheidung ist nicht nur Wortklauberei.
00:01:40: Sie entscheidet, ob wir über Defizite sprechen
00:01:43: oder ob wir über die Barrieren sprechen, die wir verändern können.
00:01:47: [Pascale Folke] Auch bei der Stiftung Denk an mich treffen immer wieder Rückmeldungen
00:01:50: von Hörerinnen und Hörern und selbstbetroffenen Menschen wegen Begrifflichkeiten ein.
00:01:55: Wir sprechen am Samstagmorgen auf Radio SRF 1
00:01:58: aber bewusst von Menschen mit Behinderungen,
00:02:01: sagt Geschäftsführerin der Stiftung Denk an mich, Sara Meyer.
00:02:05: [Sara Meyer] Wir richten uns nach der UN-BRK, also der Behindertenrechtskonvention,
00:02:09: die letztendlich von Selbstbetroffenen entwickelt wurde.
00:02:13: Wir fanden den Ansatz, den sie verfolgen, sehr spannend.
00:02:17: Bisher hat man einen Blick auf Menschen mit Behinderungen,
00:02:20: dass man ein Defizit anschaut, eine Beeinträchtigung, ein Handicap,
00:02:25: das die Person daran behindert, normal am Leben teilzunehmen.
00:02:30: Das ist eine uralte Perspektive und eine renovationsbedürftige Perspektive
00:02:35: auf das Leben mit Behinderungen.
00:02:37: Wir wählen diesen Begriff bewusst, weil wir sagen,
00:02:40: die meisten Behinderungen, fast ausschliesslich alle Behinderungen, kommen von aussen.
00:02:44: Es fehlen Zugänglichkeit, Akzeptanz, Wege, Flexibilität
00:02:51: und es fehlt bei den meisten Leuten im Kopf,
00:02:53: dass man sich überhaupt mal Gedanken macht,
00:02:55: was wäre eigentlich mein Beitrag, um die Behinderungen, die Barrieren abzubauen.
00:03:00: Darum sprechen wir ganz bewusst von Behinderungen,
00:03:02: weil sie hauptsächlich von aussen kommen.
00:03:05: [Pascale Folke] Vor allem Medien können diese Barrieren durchbrechen und aufzeigen,
00:03:09: dass Menschen mit Behinderungen Teil der Gesellschaft sind, sagt Senad Gafuri.
00:03:12: Oft werde immer noch mit widersprüchlichen Ansätzen erzählt.
00:03:17: [Senad Gafuri] Am häufigsten und meistens im gleichen Text gibt es die Opfer- und Heldinnen-Darstellung.
00:03:22: Opfer, weil man mit einer Behinderung leben muss
00:03:24: und Heldinnen, weil man trotz Behinderung Aussergewöhnliches leistet.
00:03:28: Und beides ist einseitig, weil dazwischen fehlt in der Medienberichterstattung der Alltag.
00:03:33: Die Arbeit, die Familie, die Politik, Elternschaft, Humor, Kompetenzen, Hobbys.
00:03:39: Und häufig fehlen auch die Perspektiven der Betroffenen selber.
00:03:42: Sie kommen zwar vor, aber sie dürfen nicht wirklich mitreden.
00:03:46: [Pascale Folke] Darum setzt sich die Organisation Reporter:innen ohne Barrieren dafür ein,
00:03:51: Journalistinnen und Journalisten ständig darauf zu sensibilisieren,
00:03:55: wie sie über Menschen mit Behinderungen berichten.
00:03:58: [Senad Gafuri] Das ist auch ein Teil unserer Arbeit, dass wir Workshops anbieten,
00:04:02: wo wir in die Auseinandersetzung gehen mit den Journalistinnen und Journalisten.
00:04:06: Das eine sind Begriffe und Wörter, Formulierungen, die man braucht.
00:04:09: Aber das andere sind die Bilder, die dem zugrunde liegen.
00:04:12: Und diese Bilder entscheiden eben, auf welche Art und Weise dargestellt wird.
00:04:15: Das heisst, wir müssen wirklich Sensibilisierungsarbeit bei den Medienschaffenden leisten.
00:04:20: Und das bedeutet häufig für die Journalistinnen und Journalisten eine tiefe Auseinandersetzung mit ihren eigenen Bildern.
00:04:26: Wenn sie sich dessen bewusst sind, bin ich überzeugt,
00:04:29: dass sie nachher über behinderte Menschen anders und realitätsnäher schreiben,
00:04:33: weil sie wissen, dass Behinderung nur ein Teil der Identität ist und nicht der ganze.
00:04:37: [Pascale Folke] Näher an der Realität sein von Menschen mit Behinderungen und vor allem auf Augenhöhe.
00:04:43: [Senad Gafuri] Journalistisch viel interessanter und auch fairer wären die Fragen eigentlich,
00:04:47: welche Barrieren wirken hier bei diesem Menschen, bei dieser Behinderungsart.
00:04:51: Wer entscheidet, welche Struktur sich ändern muss, damit diese Person an der Gesellschaft teilhaben kann.
00:04:57: Das wäre viel spannender als der klassische Reflex.
00:05:01: [Pascale Folke] Senad Gafuri wünscht sich, dass die Medienwelt nicht nur über Betroffene spricht,
00:05:05: sondern auch als Entscheider und Expertinnen zeigt.
00:05:08: Quasi weniger "oh wie tapfer", sondern was sich ändern muss, damit alle teilhaben können.
00:05:15: [Senad Gafuri] Sprache und Bilder setzen Normen.
00:05:17: Wer wird als kompetent gezeigt, wer als abhängig, wer als Ausnahme, wer als normal.
00:05:23: Medien können Vorurteile reproduzieren, sie könnten sie aber auch aufbrechen.
00:05:29: Wenn Redaktionen Vielfalt nicht nur als Sonderthema behandeln,
00:05:32: also solange sie das machen, bleibt Inklusion immer ein Sonderfall.
00:05:37: Wenn die Redaktionen aber Vielfalt als Standard erzählen,
00:05:40: wird die Teilhabe im Kopf selbstverständlicher und das wirkt ihnen nachher bis Politik, Arbeit, Gesellschaft.
00:05:47: [Moderator SRF 1] Senad Gafuri, Geschäftsleiter von Reporter:innen ohne Barrieren im Beitrag von Pascale Folke.
00:05:54: Die Stiftung Denk an mich unterstützt die Organisation,
00:05:56: die sich für eine inklusive Berichterstattung in den Medien einsetzt, dank Ihren Spenden.
00:06:02: Mehr dazu auf der Internetseite denkanmich.ch.
00:06:05: Nächsten Samstag schauen wir mit Senad Gafuri ein paar der Redewendungen und Ausdrücke an,
00:06:11: rund um Behinderungen, die im Alltag gebraucht werden.
00:06:15: Meistens nicht böse gemeint, aber eben...
00:06:18: [Signet] Die Stiftung Denk an mich unterstützt Ferien- und Freizeitaktivitäten von Menschen mit Behinderungen.
00:06:24: Mehr Informationen auf www.denkanmich.ch
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