Inklusion beginnt mit Sprache

Shownotes

Wir verwenden Begriffe und Redewendungen oft unbewusst und sie prägen unsere Wahrnehmung. Senad Gafuri, Geschäftsleiter von Reporter:innen ohne Barrieren, sensibilisiert, wie wir mit und über Menschen mit Behinderungen sprechen und warum inklusive Sprache vor allem eine Frage der Haltung ist.

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00:00:01: [Signet] Stiftung Denk an mich: Die Solidaritätsstiftung von SRF,

00:00:06: die Ferien und Freizeitaktivitäten für Menschen mit Behinderungen unterstützt.

00:00:12: [Moderatorin SRF 1] Bei uns allen ist doch sehr wahrscheinlich schon mal ein Satz wie

00:00:15: «Bist du eigentlich blind oder bist du nicht ganz 100?» rausgerutscht.

00:00:21: Und vielleicht hat Ihnen dann auch schon mal jemand gesagt,

00:00:24: dass so abwertende Begriffe rund um Behinderungen wehtun können.

00:00:28: Ja, sie können ausgrenzen oder verletzen,

00:00:31: vor allem für Menschen mit Behinderungen.

00:00:34: Senad Gafuri ist Geschäftsleiter der Organisation

00:00:38: Reporter:innen ohne Barrieren

00:00:40: und sensibilisiert die Gesellschaft auf ihren Sprachgebrauch.

00:00:45: Wir nehmen jetzt unsere Sprache mal etwas genau unter die Lupe

00:00:48: und zeigen auf, woher diese Ausdrücke kommen

00:00:51: und warum sie eben auch manchmal problematisch sein können.

00:00:54: Der Beitrag meiner SRF 1-Kollegin Pascale Folke.

00:00:59: [Pascale Folke] Sie tauchen auf dem Pauseplatz auf, in Gesprächen mit Freunden

00:01:02: oder ganz beiläufig in unserem alltäglichen Sprachgebrauch.

00:01:06: So Ausdrücke wie «Spinnsch eigentlich?»,

00:01:09: «Bisch geisteskrank?» oder «Blind?»

00:01:11: Ja, man denkt sich nicht viel dabei, wenn man solche Worte braucht

00:01:13: und meint sie meistens auch nicht persönlich.

00:01:16: Solche Begriffe sind nach wie vor fest verankert in unseren Köpfen.

00:01:20: Und trotzdem können sie in gewissen Situationen

00:01:22: verletzend sein für Menschen mit Behinderungen,

00:01:25: sagt Senad Gafuri.

00:01:27: [Senad Gafuri] Es gibt so klar diskriminierte Sachen wie

00:01:29: «Du bist ein Mongo» oder «Krüppel».

00:01:30: Aber dann hört man noch häufig Sätze wie

00:01:33: «Das ist doch behindert», wenn etwas nicht funktioniert

00:01:36: oder «Der ist sicher IV», wenn jemand als unfähig wahrgenommen wird

00:01:41: oder Wörter wie «Idiot» sind historisch klar belastet.

00:01:45: «Idiot» stammt aus der medizinischen Einordnung

00:01:47: von Menschen mit kognitiven Behinderungen.

00:01:49: Aber wird heute ganz beiläufig gebraucht.

00:01:52: Und genau der Gebrauch von solchen Formulierungen

00:01:55: prägen Bilder von Minderwertigkeit und Ausschluss sehr stark,

00:01:59: wenn es um Behinderungen geht.

00:02:01: [Pascale Folke] Und so abwertende Begriffe haben eine grosse Wirkung.

00:02:05: [Senad Gafuri] Sprache ist nicht immer nur Absicht,

00:02:07: sondern auch Wirkung.

00:02:09: Und viele dieser Begriffe transportieren ein Defizitbild.

00:02:12: Schwach und abhängig und weniger wert.

00:02:15: Und wenn wir sie permanent wiederholen,

00:02:16: prägen sie die Erwartungen:

00:02:18: in der Schule, am Arbeitsplatz, im Umgang miteinander.

00:02:21: Und nicht so gemeint ändert nichts daran,

00:02:23: wie es ankommt und was es gesellschaftlich normalisiert.

00:02:26: [Pascale Folke] Es gehe nicht darum, ständig auf der Hut zu sein,

00:02:29: wie man sich ausdrücken darf.

00:02:31: Sondern vielmehr darum, bewusster zuzuhören

00:02:34: und zu erkennen, welche Wirkung solche Redewendungen

00:02:37: in welchen Situationen haben können.

00:02:39: Beispielsweise Wörter wie «behindert» und «Behinderung»

00:02:43: können durchaus legitim sein.

00:02:45: Auch wenn sie für manche als heikel oder sogar beleidigend gelten.

00:02:48: [Senad Gafuri] Für viele betroffene Menschen ist eine neutrale Beschreibung

00:02:52: wie «Behinderung» ein sachlicher Begriff für eine Lebensrealität

00:02:55: und muss nicht ein Schimpfwort sein.

00:02:58: Problematisch wird es erst,

00:03:00: wenn «behindert», «Behinderung»

00:03:01: als Abwertung benutzt wird

00:03:03: oder wenn man Menschen nur auf das eine Merkmal reduziert.

00:03:07: Es kommt immer auf den Kontext, den Ton, den Blick an.

00:03:10: Spreche ich über Barrieren und Teilhabe

00:03:12: oder mache ich jemanden mit dem Begriff «Behinderung» klein?

00:03:15: Klar benennen mit dem Wort «Behinderung»

00:03:17: ist häufig respektvoller,

00:03:18: als umständlich mit anderen Begriffen auszuweichen.

00:03:22: [Pascale Folke] Und auch Ausdrücke wie «blinder Fleck» oder «taube Ohren»

00:03:25: haben zwar eine negative Verknüpfung,

00:03:27: die man aber elegant umgehen kann.

00:03:29: [Senad Gafuri] Die Alternativen sind ganz einfach

00:03:31: eine unbeachtete Stelle,

00:03:33: einen toten Winkel.

00:03:34: Oder «auf taube Ohren stossen» könnte man sagen,

00:03:37: man finde keine Resonanz

00:03:38: oder anstatt eine «lahme Ausrede»

00:03:40: eine schwache Ausrede

00:03:42: oder jemand ist blockiert.

00:03:44: Es gibt gute Alternativen,

00:03:46: die viel präziser sind und nicht diskriminierend.

00:03:49: [Pascale Folke] Liebe Hörerinnen und Hörer,

00:03:51: vielleicht seid ihr jetzt etwas verunsichert

00:03:53: und fragt euch, was darf ich denn noch sagen?

00:03:56: Und was nicht?

00:03:57: Und welche Begriffe kann ich verwenden,

00:03:59: wenn ich mit Menschen mit Behinderungen rede?

00:04:02: Allgemeine Redewendungen

00:04:03: sind absolut legitim,

00:04:05: sagt Senad Gafuri.

00:04:06: [Senad Gafuri] «Wie läuft es?» zu jemandem, der im Rollstuhl unterwegs ist

00:04:09: oder «wir sehen uns» zu einer Person mit einer Sehbehinderung:

00:04:12: Das ist normalerweise völlig okay.

00:04:14: Diese Ausdrücke haben viele Bedeutungen

00:04:17: und funktionieren im Alltag

00:04:18: unabhängig vom Kontext Behinderung.

00:04:21: Und auch dort entscheidend

00:04:22: ist die Haltung dahinter.

00:04:24: Respekt zeigt sich nicht durch eine Sprachakrobatik

00:04:27: was sage ich und was nicht,

00:04:28: sondern dadurch,

00:04:30: dass man Menschen nicht ständig auf Defizit reduziert.

00:04:33: Denn dann führt es auch dazu,

00:04:35: dass man sich bei gewissen Begriffen

00:04:37: selber überlegt,

00:04:38: das war nicht okay.

00:04:40: [Pascale Folke] Und wenn man sich bewusster Gedanken

00:04:42: über unseren täglichen Sprachgebrauch macht,

00:04:45: kann man eben auch viel

00:04:46: zur Inklusion beitragen.

00:04:48: [Senad Gafuri] Es lohnt sich sehr,

00:04:49: weil die Sprache unsere Realität

00:04:52: mitkonstruiert.

00:04:53: Wenn es um den Kontext Behinderung geht,

00:04:55: mit ganz wenigen Änderungen könnten wir die Zugehörigkeit stärken.

00:04:59: Weniger Klischees,

00:05:00: weniger Defizitbilder,

00:05:02: mehr Präzision, mehr Realitätsnähe.

00:05:05: Und das hilft nämlich nicht nur

00:05:06: Menschen mit Behinderungen,

00:05:07: sondern allen, weil man dann

00:05:09: differenzierter über Menschen sprechen kann.

00:05:11: Wenn Teilhabe sprachlich selbstverständlich wird,

00:05:14: wird sie auch gesellschaftlich

00:05:15: und politisch leichter

00:05:17: selbstverständlich.

00:05:18: [Pascale Folke] Menschen mit Behinderungen sind Teil der Gesellschaft.

00:05:21: Und so banal es klingen mag,

00:05:23: Inklusion fängt auch in der Sprache an.

00:05:26: [Senad Gafuri] Wir haben noch sehr viel zu tun.

00:05:27: Wir haben schon sehr viel erreicht,

00:05:29: aber wir haben immer noch sehr viel zu tun.

00:05:31: Und für mich auf einer Meta-Ebene

00:05:33: müssten wir genau an der Sprache

00:05:35: und an den Bildern arbeiten,

00:05:37: weil wenn man sich dessen bewusst ist,

00:05:39: dass Behinderung nur ein Teil

00:05:41: der Identität ist und dass behinderte Menschen

00:05:43: auch Eltern sein können,

00:05:46: Berufsleute,

00:05:48: Sportleute, was haben wir?

00:05:49: Behinderung ist nur ein Teil der Identität.

00:05:52: Wenn man das im Kopf

00:05:53: und in der Haltung begreift,

00:05:55: dann werden gewisse Entscheidungen

00:05:57: auch vor allem politischer Natur,

00:05:59: aber auch gesellschaftlicher Natur

00:06:01: automatisch anders getroffen.

00:06:03: Nämlich fairer und inklusiver.

00:06:06: [Moderatorin SRF 1] Wir haben noch viel zu tun.

00:06:08: Also helfen wir doch mit.

00:06:09: Inklusive Sprache ist das Stichwort.

00:06:13: Auf der Webseite

00:06:14: finden Sie mehr Infos dazu.

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