Die Grenzen allgemeiner Entwicklungsratgeber

Shownotes

Entwicklungspädiater Oskar Jenni sieht klassische Entwicklungsratgeber kritisch: Sie orientieren sich am «Durchschnittskind» und erzeugen besonders bei Familien mit Kindern mit Behinderungen Vergleichsdruck. Statt Optimierung plädiert er für Wissen, das Orientierung gibt und eigene Wege ermöglicht.

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00:00:01: [Signet] Stiftung Denk an mich: Die Solidaritätsstiftung von SRF,

00:00:06: die Ferien und Freizeitaktivitäten für Menschen mit Behinderungen unterstützt.

00:00:13: [Moderatorin SRF 1] Wann beginnt unser Kind zu kriechen? Wann macht es den ersten Schritt? Wann sagt es das erste Wort?

00:00:18: Es gibt Eltern, die das alles aufschreiben, wenn es passiert.

00:00:21: Und wenn es erst gleich vorweg passiert oder eben nicht passiert,

00:00:25: dann spricht man über das mit anderen Eltern.

00:00:26: Dann vergleicht man, macht sich vielleicht Sorgen, ob alles stimmt,

00:00:30: schaut im Internet nach, kauft Ratgeberbücher, orientiert sich an Checklisten, Tabellen

00:00:35: und manchmal geht ganz vergessen, dass jedes Kind sein eigenes Tempo hat.

00:00:40: Vor allem für Familien mit Kindern, die eine Behinderung haben,

00:00:42: funktionieren solche Tabellen und Bücher häufig nicht.

00:00:45: Diese Entwicklungen, dieser Alltag, den sie zeigen,

00:00:49: ist nicht das, was eine Familie mit einem behinderten Kind jeden Tag erlebt.

00:00:52: Das sagt Oskar Jenni.

00:00:54: Ihn hören wir jetzt. Er arbeitet am Kinderspital Zürich,

00:00:57: leitet dort die Entwicklungspädiatrie und erklärt,

00:01:00: wieso man die Entwicklung von Kindern nicht verallgemeinern kann

00:01:04: und was dann wirklich funktioniert im Alltag.

00:01:06: Meine Kollegin Pascale Folke hat mit ihm gesprochen.

00:01:09: [Pascale Folke] Oskar Jenni hat selber mehrere Bücher zur kindlichen Entwicklung geschrieben.

00:01:14: Er versteht sie aber nicht als Ratgeber im klassischen Sinn,

00:01:18: sondern als Hilfe zur Einordnung.

00:01:19: Das Problem bei den meisten Ratgebern sei,

00:01:22: dass sie sich oft am durchschnittlichen Kind orientieren.

00:01:26: [Oskar Jenni] Mit X Monaten macht das Kind das und das.

00:01:29: Mit drei Jahren reden die Kinder in ganzen Sätzen.

00:01:32: Oder sie sagen, wenn die Eltern konsequent erziehen, geht es besser.

00:01:38: Aber eigentlich funktioniert die Entwicklung nicht so.

00:01:41: Die Entwicklung ist etwas sehr Variables, sprunghaftes.

00:01:47: Ratgeber suggerieren manchmal eine stufenweise,

00:01:51: vorhersehbare Entwicklung, aber das ist nicht die Realität.

00:01:54: [Pascale Folke] Vor allem Eltern von Kindern mit Behinderungen

00:01:57: fühlen sich mit generellen Ratschlägen oft ausgerenzt und unter Druck gesetzt.

00:02:02: Ein Rezept, das für alle gilt, gebe es nicht.

00:02:05: Vielmehr sei es wichtig, darauf zu achten,

00:02:08: was Kinder im Alltag brauchen und wo man als Eltern unterstützen kann.

00:02:12: [Oskar Jenni] Es geht nicht um Tipps für die einzelnen Situationen,

00:02:14: sondern um generelle Grundsätze, die wichtig sind.

00:02:18: Zum Beispiel, dass Kinder gewisse Bedürfnisse haben.

00:02:21: Und diese Bedürfnisse nach Geborgenheit, nach Gelegenheiten,

00:02:25: wo sie lernen können, nach Grenzen, wo auch alles ein Bedürfnis ist,

00:02:29: nach Gemeinschaft mit anderen Kindern.

00:02:30: Das sind generelle, grundsätzliches Wissen.

00:02:33: Es ist wichtig, dass Eltern wissen, was Kinder brauchen.

00:02:36: Damit können sie ihren Alltag gestalten.

00:02:40: [Pascale Folke] Der Kinderarzt und Spezialist für kindliche Entwicklung

00:02:43: begleitet seit vielen Jahren Familien mit Kindern mit Behinderungen

00:02:47: und trifft auf die unterschiedlichsten Geschichten.

00:02:50: [Oskar Jenni] Ich glaube, was wir von ihnen gelernt haben,

00:02:52: und da habe ich eine grosse Hochachtung vor den Eltern,

00:02:55: was sie leisten, das ist wirklich absolut enorm.

00:03:00: Ich bin auch immer wieder sehr berührt,

00:03:02: wenn ich Wege erlebe und von Wegen höre von Kindern,

00:03:07: die Kinder und Familien gegangen sind,

00:03:09: wo der erste Start sehr schwierig war.

00:03:11: Und dann sehe ich, dass es auch Kinder gibt,

00:03:13: die sehr belastende Kindheiten haben

00:03:15: und dann doch einen eigenen und guten Weg finden können.

00:03:18: Und das ist etwas, was mir auch immer wieder Hoffnung macht.

00:03:22: Die Entwicklung bleibt irgendwie auch ein Stück weit offen.

00:03:26: [Pascale Folke] Oskar Jenni kennt die Spannungsfelder

00:03:28: zwischen Diagnose, Förderung und gesellschaftlichen Erwartungen.

00:03:32: [Oskar Jenni] Wir dürfen schon sagen,

00:03:33: die Eltern von Kindern mit einer Behinderung

00:03:35: müssen letztlich ihren eigenen Weg finden.

00:03:38: Und klar, das gelingt nicht allen.

00:03:41: Aber dafür haben wir in der Schweiz

00:03:42: zumindest das System von Fachleuten,

00:03:44: die unterstützen.

00:03:46: Heilpädagogische Früherzieher:innen,

00:03:48: Heilpädagog:innen, Logopäd:innen,

00:03:50: Fachpersonen im schulischen Umfeld,

00:03:52: Sozialpädagogen usw.

00:03:53: Es gibt ganz viele Fachpersonen,

00:03:55: die Eltern von Kindern mit Behinderungen begleiten können.

00:03:59: Und man muss dann immer einzelne Lösungen suchen.

00:04:02: Und das kann man am besten im Austausch

00:04:04: mit anderen erwachsenen Menschen finden.

00:04:07: Unsere Aufgabe als Fachpersonen ist,

00:04:10: die Eltern zu unterstützen,

00:04:12: ihr eigenes Wissen, das sie über das Kind haben.

00:04:15: Und Eltern von behinderten Kindern

00:04:16: kennen ihr Kind am besten selber.

00:04:19: Aber wir versuchen als Fachpersonen,

00:04:21: das Wissen und ihre eigenen Ressourcen

00:04:23: zu aktivieren als Stärke.

00:04:25: Und das findet man nicht in einem Ratgeber.

00:04:27: [Pascale Folke] Darum gebe er auch ungerne Tipps:

00:04:29: Welcher Ratgeber passt denn jetzt zu welcher Familie?

00:04:32: [Oskar Jenni] Ich bin eigentlich recht zurückhaltend

00:04:34: in meiner Sprechstunde Bücher zu empfehlen.

00:04:37: Die Eltern müssen irgendwie

00:04:39: ihren eigenen Weg finden.

00:04:41: Statt Bücher zu lesen, würde ich vielmehr empfehlen,

00:04:44: dass die Eltern miteinander im Gespräch sind.

00:04:47: Oder im Gespräch sind, wie gesagt,

00:04:48: mit Fachpersonen, aber auch die Eltern miteinander.

00:04:50: Dass sie als Eltern über ihr Kind sprechen,

00:04:54: dass sie versuchen, im System

00:04:58: Hilfeleistungen, Ideen zu holen

00:05:00: und eigentlich weniger über Bücher.

00:05:02: [Pascale Folke] Und auch mit einer Diagnose allein

00:05:04: sei nicht schon gleich alles geklärt und erklärt.

00:05:08: [Oskar Jenni] Das Kind entwickelt sich nicht besser,

00:05:09: nur weil es einen Namen hat für irgendeine Besonderheit.

00:05:13: Diagnosen helfen vielleicht uns Erwachsenen,

00:05:15: dass wir Zugang zu Unterstützung haben

00:05:17: oder dass wir irgendwie ein System haben

00:05:19: und ein bisschen Ordnung haben.

00:05:20: Verstehen, was das Kind hat.

00:05:22: Und vielleicht auch die Eltern, die entlastet sind.

00:05:24: Aber am Kind selber bringt die Diagnose eigentlich nichts.

00:05:29: [Pascale Folke] Oskar Jenni ist selber Vater von vier erwachsenen Söhnen.

00:05:32: Was ihm vor allem geholfen hat,

00:05:34: ist die Erkenntnis, dass nicht immer

00:05:36: alles nach Plan gehen muss.

00:05:38: [Oskar Jenni] Meine grösste Lernerfahrung eigentlich

00:05:40: mit den eigenen Kindern ist

00:05:42: auch ein Stück weit gelassen sein.

00:05:44: Ich habe gelernt, dass sich die Entwicklung

00:05:46: nicht planen, nicht beschleunigen

00:05:48: und auch nicht kontrollieren lässt.

00:05:50: Auch bei meinen Kindern ist die Entwicklung

00:05:52: nicht geradlinig gelaufen.

00:05:53: Es gab Umwege und Pausen.

00:05:55: Und die Entwicklung ist etwas,

00:05:57: das manchmal länger dauert,

00:05:59: als wir denken.

00:06:01: Manchmal geht die Entwicklung bis 25,

00:06:03: vielleicht sogar bis 30.

00:06:05: Und ich glaube, das zu akzeptieren,

00:06:08: das hat mich sicherlich gelassen gemacht.

00:06:10: Und was ich auch viel

00:06:12: davon profitiert habe,

00:06:13: ist, dass ich ein Stück weit

00:06:15: auch resilient geworden bin.

00:06:16: [Moderatorin SRF 1] Man kann am Gras schon ziehen,

00:06:18: aber wegen dem wächst es nicht schneller.

00:06:20: Oskar Jenni, Kinderarzt und Entwicklungspädiater

00:06:23: am Kinderspital in Zürich.

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