Identifikationsfiguren in Büchern

Shownotes

«Identifikationsfiguren entstehen dort, wo Menschen mit Behinderungen aktiv und selbstbestimmt gezeigt werden», sagt Marah Rikli, Journalistin und Aktivistin für Diversität und Inklusion. Für eine Aktion des Schweizer Buchzentrum hat sie 80 Bücher kuratiert, die Vielfalt selbstverständlich erzählen.

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00:00:01: [Signet] Stiftung Denk an mich.

00:00:03: Die Solidaritätsstiftung von SRF, die Ferien- und

00:00:07: Freizeitaktivitäten für Menschen mit Behinderungen unterstützt.

00:00:13: [Moderatorin SRF 1]

00:00:14: Bücher können uns prägen.

00:00:16: Was und wer darin vorkommt, hat jedenfalls einen

00:00:19: Einfluss darauf, wie wir die Welt sehen.

00:00:22: Wenn Menschen mit Behinderungen in der Literatur nur

00:00:25: als Klischee auftauchen, bleiben sie auf eine Art

00:00:28: unsichtbar.

00:00:30: Darum gibt es eine Aktion des Schweizer Buchzentrums

00:00:32: und der Pro Infirmis mit dem Titel Inklusion.

00:00:36: Lesen verbindet Lebenswelten.

00:00:39: Dies stellt Bücher aus den verschiedensten Genres vor,

00:00:42: von Kinderbüchern über Romanen bis zu Sachbüchern, in

00:00:45: denen Menschen mit Behinderungen selbstverständlich, vielfältig und auf

00:00:49: Augenhöhe vorkommen.

00:00:51: Sie zeigen die Betroffenen als Teil der Gesellschaft,

00:00:54: eben auch in der Literatur.

00:00:56: Die Journalistin Marah Rikli setzt sich als ehemalige

00:01:00: Buchhändlerin schon seit Jahren für Diversität und Inklusion

00:01:04: ein.

00:01:04: Für die erwähnte Aktion hat sie Bücher zusammengestellt,

00:01:08: die Menschen in ihren unterschiedlichen Rollen zeigen.

00:01:11: [Moderatorin Pascale Folke], Der Beitrag von Pascal Volke.

00:01:14: Gerade bei Figuren mit Behinderungen in der Literatur

00:01:17: macht es einen grossen Unterschied, ob sie nur

00:01:19: als Klischee oder als Persönlichkeiten erzählt werden.

00:01:24: Marah Rikli ist bei ihrer Recherche in diverse

00:01:26: Genres eingetaucht, in denen Menschen mit Behinderungen in

00:01:29: vielfältigen Rollen und Lebenssituationen vorkommen.

00:01:33: Für mich macht es aus, dass Menschen mit

00:01:36: Behinderungen und auch Menschen ohne Behinderungen aktiv und

00:01:41: selbstbestimmt gezeigt werden.

00:01:43: Dass sie Charakteren haben, dass sie nicht auf

00:01:47: ihre Behinderung reduziert werden oder auf ihr körperliches

00:01:51: Merkmal.

00:01:52: Das kann auch eine Hautfarbe oder ein Gewicht

00:01:57: sein.

00:01:57: Entstanden ist eine Liste mit 80 ausgewählten Büchern,

00:02:00: in denen Menschen mit Behinderungen sichtbar sind, in

00:02:02: denen die Vielfältigkeit abgebildet wird und klar ist,

00:02:06: dass sie Teil der Gesellschaft sind.

00:02:08: Bei der Auswahl war Marah Rikli v.a.

00:02:10: eines wichtig:

00:02:11: Dass sehr viele Selbstvertreterinnen diese Bücher gemacht haben.

00:02:16: D.h., dass die Autorinnen häufig mit einer

00:02:18: chronischen Erkrankung oder mit einer Behinderung leben oder

00:02:22: mit einer sogenannten Co-Behinderung oder pflegenden Rolle,

00:02:26: die sehr nahe an der Betroffenheit sind.

00:02:30: Denn was oft passiert, ist, dass über Menschen

00:02:33: mit Behinderungen gesprochen, gefilmt und erzählt wird und

00:02:37: nicht mit ihnen.

00:02:38: Das ist ein Slogan in der Inklusionsbewegung, der

00:02:42: mir sehr wichtig ist.

00:02:44: Nichts über uns, ohne uns.

00:02:46: Und wenn Betroffene nicht nur als Opfer oder

00:02:49: Heldininnen dargestellt werden, öffnet das den Leserinnen und

00:02:53: Lesern eine ganz neue Sicht auf uns als

00:02:56: Ganzes.

00:02:57: Menschen mit Behinderungen oder meine Tochter, die mit

00:03:00: einer Behinderung lebt, wenn sie sich mit Figuren

00:03:03: identifizieren kann, wenn sie ähnliche Dinge erleben, dann

00:03:07: passiert bei ihr auch das.

00:03:09: Ich bin Teil der Gesellschaft, ich bin nicht

00:03:12: allein.

00:03:13: Das Kind, das auch diese Behinderung hat wie

00:03:15: ich, kann Ski fahren, also könnte ich auch

00:03:18: Ski fahren.

00:03:19: Es schafft Zugang, es schafft Teilhabe.

00:03:24: Es hilft ihr.

00:03:26: Und es gibt ihr, nehme ich an, oder ich

00:03:28: hoffe, ein Gefühl, dass sie ein vollwertiger Teil

00:03:31: dieser Gesellschaft ist.

00:03:32: Solche Figuren entstehen dort, wo Geschichten die Vielfalt

00:03:35: unseres Menschen als Normalität erzählen und nicht als

00:03:38: Abweichung.

00:03:39: Vielfältigkeit ist etwas Schönes.

00:03:41: Es gibt mir auch Freiheit.

00:03:42: Es gibt mir neue Erlebnisse, es öffnet mir

00:03:45: neue Horizonte.

00:03:46: Ich sehe neue Lebenswelten, ich lerne etwas.

00:03:49: Der Mensch ist ein Wesen, das stetig lernen

00:03:51: möchte.

00:03:53: Ich erfahre vielleicht etwas über das Kind des Nachbars,

00:03:57: das mit einer Behinderung lebt.

00:03:58: Ich weiss nie so genau, ob ich es

00:04:00: zum Geburtstag meines Kindes einladen soll.

00:04:02: Ich habe weniger Berührungsängste.

00:04:05: Wenn ich jemandem im Bus begegne, der eine

00:04:08: Behinderung hat, erfahre ich, ob ich den Rollstuhl

00:04:12: anfassen darf oder nicht, ob ich Hilfe anbieten

00:04:15: kann oder nicht usw.

00:04:17: Ich denke, es hat für alle Vorteile.

00:04:19: Bücher können Türen öffnen, aber auch Menschen ausschliessen.

00:04:23: Darum ist es umso wichtiger, dass alle Bücher

00:04:26: Inklusion leben.

00:04:27: Denn es betrifft uns alle.

00:04:30: Unsere Gesellschaft altert.

00:04:32: Früher oder später haben wir fast alle eine

00:04:35: Einschränkung.

00:04:36: Oder wir können krank werden.

00:04:38: Wir können in unserem Umfeld jemanden haben.

00:04:41: Unsere Partnerinnen können eine Behinderung bekommen.

00:04:44: Unsere Kinder.

00:04:46: Wir alle sind viel mehr betroffen, als wir

00:04:49: meinen.

00:04:49: Dazu leben 1,8 Mio.

00:04:52: Menschen in der Schweiz mit einer Behinderung oder

00:04:54: chronischen Erkrankung, also ein Viertel der Gesellschaft.

00:04:58: Es schafft auch für mich Möglichkeiten, auch wenn ich

00:05:01: ohne Behinderung bin, die Gesellschaft vielfältiger zu erleben.

00:05:05: Mit Geschichten fördern und nicht belehren.

00:05:08: In der Literatur sei in den letzten zehn

00:05:10: Jahren viel gegangen.

00:05:12: Es ist viel mehr Vielfältigkeit, gerade im Kinderbuchbereich.

00:05:15: Ich finde das sehr spürbar.

00:05:17: Man hat sich in der Pädagogik und in

00:05:20: der Erziehung mit dem Thema Diskriminierung auseinandergesetzt.

00:05:23: Einerseits in den Schulzimmern, andererseits in den Verlägen

00:05:27: oder auch, so finde ich, gesamtgesellschaftlich.

00:05:31: Es gibt viel mehr Bücher, die Vielfältigkeit abbilden.

00:05:35: Unterschiedlichste Körperformen, unterschiedlichste kulturelle Hintergründe,

00:05:42: Religionszugehörigkeiten, Kinder mit und ohne Behinderungen.

00:05:45: Auch das Thema Gender ist ein Thema.

00:05:47: Früher waren immer nur Jungs in den Rollen

00:05:50: von Helden.

00:05:52: Jetzt gibt es aber auch Mädchen oder non

00:05:54: -binäre Personen.

00:05:56: Marah Rikli wünscht sich aber, dass die Literatur

00:05:59: noch mehr für Menschen mit Behinderungen zugänglich wird.

00:06:02: Dass sie die Chancen und eine Plattform bekommen,

00:06:04: die sie selbst erzählen können.

00:06:06: Menschen, die Selbstvertreterinnen sind, die selbst mit einer

00:06:09: Behinderung oder mit Erkrankungen leben, können viel besser

00:06:13: die Vielfältigkeit oder ihre Lebenswelt abbilden, als wenn

00:06:17: jemand das über die Person macht.

00:06:20: Ich glaube, es fängt schon an, wer Zugang

00:06:22: zu der Literatur hat.

00:06:24: Welche technischen Möglichkeiten stellt man Menschen zur Verfügung?

00:06:28: Ich glaube, dort gibt es Interesse, auch eine

00:06:31: Vielfältigkeit bei den Autorinnen.

00:06:34: Frauen haben sich auch gewehrt und gesagt, es

00:06:36: müssen mehr Autorinnen in die Bücher gestellt werden,

00:06:39: es müssen mehr Autorinnen in die Liste der

00:06:42: Literatur am Gymnasium.

00:06:44: Da sage ich, das ist genau das Gleiche

00:06:46: mit Menschen mit Behinderungen.

00:06:48: Es braucht mehr Menschen mit Behinderungen, die Bücher

00:06:50: schreiben können, die Zugänge bekommen, die Werkbeiträge bekommen,

00:06:55: die Technologien zur Verfügung gestellt bekommen und dann

00:06:58: auch ihre Manuskripte ernst genommen werden.

00:07:01: Marah Rikli, Autorin, Journalistin und Aktivistin für Diversität

00:07:06: und Inklusion im Beitrag von Pascale Folke.

00:07:10: Mehr über inklusive Literatur finden Sie auf der

00:07:14: Internetseite von «Denk an mich».

00:07:25: Mehr Informationen auf denkanmich.ch

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